CHIMÄRENBLUT, SERIAL 1: INFLUENZA

 

Donnerstag, 2. Mai 2030, Berlin (Kleinmachnow):


»You and me baby ain’t nothin‘ but mammals«, trällerte der Oldie der Bloodhound Gang auf Josefine Gardens Kommunikator. Um das Gespräch anzunehmen, tippte sie mit dem Zeigefinger aufs Display und ließ sich aufs Bett fallen.

»Andrew, was willst du?«

»Blubbere doch nicht immer gleich los!«

Sie drückte den Empfängerknopf an ihrem Ohrring und schaltete den quakenden Lautsprecher auf Lautlos. »Sprich nie wieder von Blubbern.«

»Tust du aber.«

»Ich bin kein Fisch und hör auf, mich zu kontrollieren.« Sie streckte das rechte Bein in die Luft und betrachtete den blauen Fleck an ihrem Oberschenkel. War sie wirklich nach der Party so betrunken gewesen? Nur vage erinnerte sie sich.

»Josi, was machst du?«

»Was soll die Frage?«

»Ich wollte nur...«

»...Andrew, das geht dich nichts an.« Sie ließ das Bein fallen.

»Gib zu, du bist wieder mit diesen radikalen Spinnern zusammen, diesem Marc oder Leon…«

Das reicht jetzt endgültig, du Stalker, dachte sie, verdrehte die Augen und legte ohne zu antworten auf. Ihrem Nano-Computer befahl sie weitere Anrufe von Andrew zu ignorieren.

 

Sie schwang die Beine aus dem Bett, zog den schwarzen Taftschal von der Stuhllehne und wickelte ihn um den Hals. Unentschlossen wühlte sie im Kleiderschrank und schob eine weiße Bluse nach hinten. Spießiges Teil, dachte sie. Beim nächsten Besuch bei ihrer Mutter würde sie es dort im Kleiderschrank verschwinden lassen. Schließlich zog sie ein ärmelloses schwarzes Shirt mit der Aufschrift »SOS Abi – (R)EVOLUTION« hervor. Es konnte im Dunkeln leuchten. Sicherheitshalber blockierte sie die Funktion an dem kleinen eingenähten Knopf. Bloß keine Signale. Dann schlüpfte sie in dunkelblaue Stretchjeans und zog schwarze Reiterstiefel an. Zuletzt warf sie einen prüfenden Blick in den Spiegel und tuschte ihre Wimpern. Mehr war nicht drin. Leon, den Kopf der Gruppe, konnte sie nur mit Taten beeindrucken.

Leon!

Alleine der Gedanke an seinen Namen ließ ihr Herz schneller schlagen. Beim letzten Treffen hatte er ihr länger als sonst in die Augen gesehen.

Sie löste die Haarspange und ließ ihr blondes Haar über die Schultern fallen. Ihre gleichmäßigen Gesichtszüge und die braunen Augen deuteten nicht darauf hin, dass sie eine Fisch-Chimäre war.

Es war einer der ersten warmen Tage im Jahr, trotzdem steckte Josi die Mütze in ihre Schultertasche. Ein Verlegenheitsgeschenk ihres Vaters.

Wenn er ahnen würde…

Sofort verdrängte sie den Gedanken an ihren Vater, der zum Glück nicht vor Mitternacht aus der Redaktion nach Hause kommen würde.

In ihrem Magen kribbelte es. Eine Jugendstrafe hatte sie bereits hinter sich. Die Aktion auf dem Schlachthof. Eine übersehene Überwachungskamera hatte alles gefilmt. Josi hatte die Wände besprüht: »Pferde, Schweine, Kühe – sind auch Menschen!« Der Jugendrichter hatte hart geurteilt. Wochenlang musste Josi an ihren freien Wochenenden in einem Altenpflegeheim arbeiten. Ihr Vater war vor allem stocksauer, weil der soziale Dienst zu Lasten ihrer schulischen Leistungen ging.

Die Gruppe hatte sich nach der Schlachthof-Aktion aufgelöst, und Josi war zu den Assisi-Wächtern gewechselt. Ursprünglich wollte sie nur im Hintergrund helfen, Flugblätter vorbereiten, Pläne aushecken…

Behutsam hatte Leon zwei Finger auf das Tuch an ihrem Hals gelegt und gesagt, »willkommen im Team, Fischchen«, und Josi hatte sämtliche Standpauken ihres Vaters aus dem Kopf verdrängt.

Warum konnte sie nicht Pferde-Chimäre sein, so wie Leon? Voller Sehnsucht dachte sie an seine wilden langen Haare und seinen muskulösen Körper.

 

Mit ungutem Gefühl spähte sie aus dem Fenster, ihr Puls raste. Mittlerweile traute sie Andrew alles zu. Er rief Tag und Nacht an und nervte wie Krätze.

Josi nahm den Hinterausgang durch die Kellertür und schlich geduckt an den Mülltonnen vorbei. Sie wollte kein Risiko eingehen.

 

Das Ziel der Aktivisten lag eine Stunde nördlich von Berlin. Der zwanzig Jahre alte Bus hatte ein Loch im Auspuff und knatterte wie ein Trecker.

Marc, der einzige von ihnen, der keine Chimäre war, fuhr den Wagen. Er hatte sich ihnen aus Liebe zu der rothaarigen Katzen-Chimäre Olga angeschlossen.

Josi beobachtete im Außenspiegel wie Leon seine dicken, braunen Haare zusammenband, während er sich mit Olga unterhielt. Simon saß wie immer blass und schweigend daneben. Er hatte ihnen nie verraten, welche Chimäre er war, aber aufgrund der verhuften linken Hand und der weißen Haare, die ihn wie ein Albino aussehen ließen, vermutete Josi eine Ziege.

Leon lenkte das Gespräch auf den Hühnerbaron Wilmershofen. Josi war erschrocken über Leons harten Gesichtsausdruck.

»Er ist ein gefährlicher Tierquäler. Die Viren sind von Schweinen und Vögeln auf den Menschen übergesprungen. Sie sind x-mal mutiert, haben Erbanlagen ausgetauscht und Tod und Siechtum gebracht. Trotzdem hört die Massentierhaltung nicht auf.« Leon schnaubte und zog verächtlich die Mundwinkel nach unten.

 

Marc bog in ein Waldstück ab und parkte nach einer Weile halb im Gebüsch. Sie stiegen aus. Leon griff in den mitgebrachten Rucksack und zog Masken hervor.

»Olga, die Sturmhaube genügt nicht. Maske vors Gesicht!«, zischte er. »Die Konturen lassen sich sonst rekonstruieren.«

Als er Josi betrachtete, nahm sein Gesicht für einen Moment einen weichen Zug an. »Josi Fischchen, dein blondes Haar, das geht so nicht, du leuchtest im Dunkeln wie eine Neonreklame.«

Wenigstens hatte er nicht Neonfisch gesagt. Sie zückte ihre Mütze, und er nickte zufrieden. »Die auch.« Er hielt ihr die Plastikmaske und ein Paar dünne Silikonhandschuhe hin. »Ihr wisst ja, keine Fingerabdrücke!«

Olga zog einen Minicomputer aus der Jackentasche und loggte sich in den Zentralrechner der Alarmanlage ein; bereits vor Wochen hatte sie den Code geknackt. Dann schaltete sie mit ein paar Fingertipps die Überwachungskameras ab, simulierte die Standbilder für die Sicherheitszentrale und schaltete die Alarmanlage auf Off.

Simon durchschnitt mit einer Zange den Maschendrahtzaun und bog ihn auseinander.

Auf Leons Handzeichen liefen die Aktivisten zur Nordhalle. Josi hatte Mühe, Schritt zu halten und folgte in deutlichem Abstand.

Leon wartete und fasste sie am Arm. »Geht’s?«

Sie nickte.

Marc brach die Tür zur Fabrik mit einem digitalen Schlüsselcode auf.

 

Blaues Licht flutete die Halle. Die Luft war staubig und stickig. Es stank nach Kot. Die Hühner gackerten und schüttelten unruhig ihre kahlen Flügel. Sie hatten so viele Federn verloren, dass ihre Haut in großen Flecken hervorschimmerte. Ihre Augen waren blutunterlaufen.

»Elendes Hühner-Gefängnis! Dieses Schwein!«, zischte Josi und hob die Hand, um mit dem NanoC an ihrem Handgelenk zu filmen. Die Aufnahmen schickte sie online an einen geschützten Server.

»Beeil dich! Josi! Wir haben nur fünf Minuten. Dann müssen wir hier raus sein«, rief Leon und rannte tiefer in die Halle.

»Ja doch.« Josi sah sich um. So ein Elend. Wilmershofen, du bist ein Mistkerl. Ich hetze meinen Dad auf dich, schoss es ihr durch den Kopf.

Marc begann damit, einzelne Hühner aus dem Gehege zu heben und in die mitgebrachten Körbe zu setzen.

Olgas Schwanzspitze zuckte wie immer nervös. Sie nahm ihm zwei Körbe ab und eilte zum Ausgang.

Simon klemmte mit der gesunden Hand einen Korb unter den verwachsenen Arm und folgte ihr.

Leon verschwand am Ende des Ganges.

Josi blickte ihm hinterher und sah, wie er das Sicherheitssiegel einer Tür knackte.

Olga, Marc und Simon kamen zurück und begannen damit, weitere Käfige aufzubrechen.

 

Nach einer Minute war auch Leon zurück. »Los!«, brüllte er. »Wir müssen hier sofort raus!«

Josis NanoC zeigte an, dass sie erst seit vier Minuten in der Halle waren. Warum hatte er es so eilig? Hastig nahm sie ein Huhn in den Arm. Als Leon bei ihr war, hielt sie ihn mit der freien Hand fest. »Was war da hinten?«

»Jetzt nicht!«, zischte er und riss sich von ihr los.

Das Huhn begann vor Panik zu zappeln. Josi versuchte es festzuhalten, doch das Huhn kratzte sie durch den dünnen Silikonhandschuh. Blut tropfte aus der frischen Wunde. Mit zittrigen Händen setzte Josi das Tier in den Korb. Ein weiteres Huhn flatterte ihr vor die Füße und ließ den Kopf hängen. Nur noch dieses eine, dachte sie, griff das Tier und verbarg es im Arm.

Warum sie den Eigentümer der Hühnerfabrik nicht einfach anzeigten, hatte sie bei der Planung wissen wollen. Doch Leon hatte mit den Augen gerollt. »Wir brauchen Mitleid für die leidenden Tiere. Sonst empfindet mit uns auch bald niemand mehr Empathie. Einige von uns sehen schließlich schon zur Hälfte aus wie Tiere. Die jüngeren Kinder entwickeln sich noch stärker zum Mischwesen. Wir müssen die Rechte der Tiere stärken, sonst werden wir eines Tages in Käfige gesperrt.«

Marc hatte den Kopf geschüttelt. »So bekommst du keine Menschen auf deine Seite. Das versteht niemand. Hunde und Katzen sperrt doch auch niemand ein.«

Leon hatte daraufhin eingelenkt. »Wir brauchen Beweise gegen Wilmershofen. Die Menschen haben Angst vor Viren, wenn sie von Massentierhaltung hören. Denk an die Vogelgrippe, und die Schweinegrippe... Wir müssen dafür sorgen, dass die Bilder ins Netz kommen.«

Die Luft in der Halle hatte sich mit dem Staub der flatternden und gackernden Hühner getränkt. Josi stürmte hustend zum Ausgang.

 

Draußen sah sie, dass Leon und Marc bereits durch die Öffnung des Maschendrahtzauns kletterten.

Das Huhn in Josis Arm gab ein heiseres Krächzen von sich.

Schnell weg hier, dachte sie und wollte den anderen hinterhersprinten, doch ihre Beine fühlten sich plötzlich merkwürdig taub an. Trotz aller Kraftanstrengung schaffte sie nur noch winzige Schritte. Es fühlte sich an, als watete sie durch zähen Morast. Ihr Herzschlag verlangsamte sich, ein eisiges Gefühl stieg ihr die Beine hoch, lähmte die Muskeln.

»Halt stehen bleiben!«, rief ein Wachmann mit zwei zähnefletschenden Pitbulls an seiner Seite. Der Kegel einer Taschenlampe tauchte Josi in helles Licht. Ohne zu zögern ließ der Mann einen der Pitbulls von der Leine, während der andere aggressiv bellte und an der Kette zerrte, bis ihm die Luft wegblieb.

 

ENDE der Leseprobe von Serial 1

 

 

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