CHIMÄRENBLUT, SERIAL 2: VIRUS

 

Persischer Golf, morgens:


Josi kämpfte nicht gegen das Wasser an. Ein Moment der Stille umgab sie. Wie in Zeitlupe sank sie tiefer und tiefer, schwebte dem Grund entgegen. Endlich ohne Schmerzen. Frei. Doch plötzlich begann ihre Schwanzflosse zu schlagen, gehorchte ihren eigenen tierischen Instinkten, brachte sie in die Horizontale und dann zurück an die Wasseroberfläche.

Sie überließ sich den Kräften ihres veränderten Körpers, der sie sanft durchs Wasser ruderte. Nach einer Weile drehte sie sich um und blickte zurück. Die Yacht der Hildens war bereits am Horizont verschwunden. Das Meer hob und senkte sich, schüttelte sie auf den Wellen: Rauf und runter. Sie drehte sich auf den Rücken, schaute in den Himmel. Dann drehte sie sich erneut und wurde von ihrem Schwanz vorwärts getrieben. Wann verlor er endlich seine Kraft?

Verdammter Hai, fluchte sie.

Sie spürte keinen Hunger, keinen Durst. Irgendwann musste sie doch müde werden? Ihre Haut wurde langsam taub, fühlte sich an wie in Gel gepackt. Das Meer – still fließend und weit – bildete ihre neue Außenhaut. Sie hörte auf wie ein Mensch zu denken, fühlte nur noch die unendliche Weite des Meeres. So ließ sie sich treiben. Viele Stunden.

Warum fror sie nicht? Sie betastete ihren Bauch, die Schwanzflosse. Ihr Körper fühlte sich fremd an. Nur ihre Arme waren vertraut und sahen aus wie immer.

Dann erblickte sie die Haie. Drei. Sie umkreisten sie. Instinktiv kreiste sie mit und fixierte den Größten mit ihrem Blick. Wartet bis ich schlafe, fresst mich bitte dann, dachte sie voller Grauen. Die Haie glotzten sie aus starren, schwarzen Augen an. Einer stupste ihr mit der Schnauze in die Seite. Seine spitzen Zahnreihen zeigten sich kurz im geöffneten Schlund. Dann wendete er abrupt. An einer Kieme glitzerte etwas Silbernes. Ein Ohrring? Ich muss mich irren. Sicher nur ein Sender, ein Ortungssignal. Ganz eindeutig – ich irre mich.

Die Haie zogen weiter.

Bei Sonnenuntergang bekam sie erstmals Hunger. Warum keinen Durst? Müssen Fische trinken? Sie hatte nie versucht das heraus zu finden.

Ich bin kein Fisch, dachte sie – ich bin ein Monster!

Reflexartig streckte sie die Arme hervor und schnellte in die Tiefe. Der Druck auf ihren Ohren schmerzte.

Doch noch Mensch!

Sie schluckte und fühlte das Knacken in den Gehörgängen. Der schmerzhafte Druck verschwand. Sie schwamm tiefer, schluckte erneut, tauchte weiter hinab.

Am Felsgrund wuchsen Austern. Sie konnte die in der Kalkschale versteckten Weichtiere riechen. Auch Blut, ganz in ihrer Nähe. Ein Raubfisch hatte einen kleinen Schwarmfisch verspeist und die Reste ins Meer gespuckt. Eine halbe Flosse trieb an ihr vorbei.

Josi aß keinen Fisch, doch der ausgehungerte halbe Hai in ihr drängte auf seinen eigenen Überlebensinstinkt. Sie schnappte sich eine Handvoll Muscheln und schwamm an die Wasseroberfläche. Dort legte sie sich auf den Rücken, häufte die Muscheln auf den Bauch, brach die Schalen auf und schlürfte das Fleisch heraus. Schläfrig drehte sie sich auf die Seite und schloss die Augen.

Plötzlich fühlte sie neue Kräfte. Aber dieses Leben wollte sie nicht. Sie wollte doch sterben.

Nicht denken! Bitte, lieber Gott, lass mich jetzt wegdösen. Ich will einfach nur schlafen. Schla…

Das Wasser schaukelte sanft und lullte sie ein.

 

Als sie Stunden später erwachte, trieb sie auf dem Bauch liegend im Meer. Warum bin ich nicht ertrunken?

Sie öffnete die Augen und drehte sich mit einem Flossenschlag auf den Rücken. Über ihr schien der Mond. Sterne glitzerten wie verschüttete Diamanten. Ist das der kleine Wagen? Oder der große? Und das? Andromeda?

»Nein!« schrie sie. Endlich hatte sie begriffen. Ihre Kiemen waren voll funktionsfähig. Sie befühlte ihr Gesicht, ihre Brust, sah auf ihre Arme, ihre Hände ... alles noch menschlich.

Unter dem aufgeknoteten Hemd zeigte sich ein Leoparden-Tupfenmuster auf schräg verlaufenden handbreiten Streifen. Es war unumstößlich: Stegostoma fasciatum verdrängte Homo sapiens. Die Zebrastreifen gingen mittlerweile bis über die Brust. Sie schob die Bluse von der Schulter und drehte den Kopf, um hinzusehen. Fühlte über die Haut. Hell, dunkel, hell… Plakoidschuppen. Rau wie Sandpapier. Auf der Schulter auch. Ein schmaler Streifen. Die andere Schulter? Dort nicht.

Warum trage ich noch das Hemd? Ich brauche kein Totenhemd. Sie streifte die Bluse von den Schultern. Der nasse Stoff ging sofort unter.

 

Dann tauchte das Schiff auf.

Wie aus dem Nichts war es plötzlich da. Dunkel wie die Nacht und kantig geschnitten. Eine Corvette.

Josi tauchte ab, packte den Stoff, zog die Bluse über und verknotete die Zipfel unter der Brust.

Mit kräftigen Schlägen hielt sie auf das Boot zu…

 

ENDE der Leseprobe von Serial 2

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