CHIMÄRENBLUT, SERIAL 3: MAMMALS

 

Samstag, 1. Juni 2030, Dubai, Persischer Golf:

 

Blitze zuckten über den nachtschwarzen Himmel. Donner grollte. Schmerzhaft. Dröhnend. Er glaubte, sein Trommelfell würde platzen. Die Schläge vibrierten in seinen Ohren und in seinem Magen. Ein weiteres Krachen folgte, dann neigte sich die Spitze des Privatjets nach unten. Endlos bange Sekunden krallte er sich an seinem Gurt fest. Eine Feuerwalze loderte ihm entgegen, er spürte die Hitze im Gesicht. Der Rumpf brach. Metall knirschte. Im selben Moment riss es seinen Sitz aus der Verankerung. Um ihn wurde es Nacht…

 

Constantin von Graef erwachte mit einem Schrei auf den Lippen. Er lauschte. Die See lag ruhig. Die Corvette schaukelte sanft auf den Wellen. Er tastete neben sich und sah auf die Uhr. Kurz vor Mitternacht. Zeit aufzustehen und die Brücke zu übernehmen. Drei Stunden Schlaf hatte er hinter sich, weitere drei Stunden würde er irgendwann am Tag nachholen.

Sieben Jahre war der Absturz des Privatjets jetzt her. Inzwischen war Constantin dreißig, doch es verging kein Tag, an dem er nicht an jene Nacht dachte. Sie waren sofort tot: Seine Eltern, seine über alles geliebte Schwester, der Pilot und der Bodyguard der Familie.

Constantin war schlagartig Alleinerbe eines Vermögens geworden, das aus rücksichtslosen Investitionen und Geldgier entstanden war. Nachdem er wusste, in welche Firmen sein Vater investiert hatte, verkaufte er alles. Es war eine Last, die er meinte loszuwerden, doch die Leere, die ihn dann ergriff, war noch erdrückender.

 

Missmutig nahm Constantin zwei Kaffeebohnen aus einer Schale, warf sie in den Mund und begann darauf zu kauen. Vielleicht würde der bittere Geschmack die verfluchten Bilder seines Albtraums vertreiben, hoffte er und erhob sich mühsam von dem schmalen Bett.

Im Dunkeln tastete er nach der Augenklappe, zog sie über sein Chamäleon-Auge und trat in den Gang. Wie ein Schatten bewegte er sich an der offenen Tür der anderen vorbei. Wong Dai Yu schlief in den Armen ihres Freundes Ben Bright. Ihre langen Haare mit den weißen Strähnen lagen auf der glänzenden, schwarzen Haut des Bodyguards. Auf Schultern und Armen der beiden war das getigerte Muster zu erkennen. Katzen unter sich, dachte er. Die Chinesin schlug die Augen auf. Er nickte ihr zu und ging weiter zur Treppe, tastete sich Stufe für Stufe empor. Vermutlich würden Yu und Ben nun die Tür schließen und sich lieben.

Natürlich würden sie sich lieben, dachte er und spürte wieder den alten Zorn auf seinen Vater. Den ganzen Tag über hatte der Familienpatriarch telefoniert und am Abend seine Pharma-Aktien abgestoßen. Kurz bevor die Kurse ins Bodenlose fielen. Deshalb waren sie in das Gewitter geraten.

 

Er verwischte die Erinnerungen und öffnete mit einem Knopfdruck die Schiebetür zur Brücke.

»Hej. Schon so spät?«, empfing ihn sein schwedischer Bootsmann, Lars Lundberg.

»Hej«, erwiderte er die schwedische Begrüßungsformel. »Ich konnte nicht schlafen. Mein Rücken, du weißt ja.« Er legte eine Hand auf die Schulter des Freundes. »Wie war die Nacht?«

»Alles still. Keine Taucher gesichtet.« Lars rieb sich die Schweinsnase und grunzte vergnügt. »Auch keine Sirenen.«

»Gut. Ich übernehme.«

»Dann geh’ ich dir mal einen Kaffee holen.«

Wenige Minuten später saßen sie schweigend nebeneinander. Lars schwenkte seinen Gin Tonic. Constantin nippte am dampfenden Kaffee. Dann verzog sich Lars in seine Koje, und Constantin blieb alleine auf der Brücke zurück. Er beobachtete das Meer, die Lichter der Schiffe und die Inseln in der Ferne, während die Rückenschmerzen endlich nachließen.

Ein tropfenförmiges Muster zog sich über die Epidermis seines nackten Oberkörpers, dann wechselte die Hautfarbe ins Anthrazit der Nacht. Seit zwei Jahren konnte er im Gegensatz zum Chamäleon den Farbwechsel willentlich steuern. Nur wenn er sich aufregte, spielten die Muskeln unter der Haut verrückt, so dass ihm die Kontrolle entglitt. Dann bekam er dunkle Flecken, die er nur mühsam unterdrücken konnte.

Er lauschte in die Stille der Nacht und genoss es, mit Hilfe der Chamäleon-Tarnung so gut wie unsichtbar zu sein. In Gedanken ging er eine seiner Lieblingsstellen aus Shakespeares Romeo und Julia durch. »...und Liebe wagt, was irgend Liebe kann.«

 

Gegen Morgen begannen die Lichter auf den künstlichen, vorgelagerten Inseln zu verblassen, und die Super-Yachten tauchten als graue Silhouetten im Dunst der Dubai Waterfront auf. Constantin schüttelte den Kopf. Angeber-Schiffe, deren GPS-Signale ständig zeigen, wo sie sich befinden. Seine Corvette dagegen duckte sich flach gegen das Wasser. Ihre gesamte Technik lag unter Deck, sie war nur halb so groß wie die militärischen Vorbilder dieser Schiffsklasse, und vor allem war sie schnell, wendig und blieb so gut wie unsichtbar.

War dort etwas im Wasser? Constantin blinzelte mit seinem menschlichen Auge, mit dem er die Umgebung nun schon seit Stunden scannte. Vor einer einsam kreuzenden Yacht draußen im Golf meinte er ein Glitzern zu erkennen. Er nahm das Fernglas beiseite, schob die Augenklappe herunter und blickte erneut durch die Linse der Bushnell Stableview. Eine Fluke? Vielleicht ein Delfin? Sie werden auch immer seltener, dachte er voller Kummer und zog die schützende Augenklappe wieder über sein empfindliches Chamäleon-Auge. Dann erhob er sich, öffnete mit der Fernsteuerung das Glasdach vom Mitteldeck und verließ die Brücke. Mit langsamen, gleichmäßigen Bewegungen schritt er zur automatischen Hebebühne, setzte sich darauf, drückte den Schalter und ließ sich an der Bordwand hinunterfahren.

Das Wasser gurgelte schmatzend gegen den Schiffsrumpf. Constantin schwamm ein paar Züge und genoss die Schwerelosigkeit. Seine Leidenschaft fürs Schwimmen hatte er damals in der Reha-Klinik entwickelt als er noch auf den Rollstuhl angewiesen war, und die Neuroprothesen wegen einer Entzündung nicht arbeiten wollten. Zweimal täglich hatte er seine Bahnen gezogen und Wachstumshormone für den Muskelaufbau geschluckt. Eines Tages war er mit Flecken auf der Haut erwacht. Rostrot. Tannengrün. Lakenweiß. Die Ärzte vermuteten eine Allergie. Es dauerte Monate bis sie hinter die Wahrheit kamen. Doch er hatte Glück, denn er hatte überlebt.

Mit kräftigem Schlag kraulte er zurück zum Schiff, zog sich auf die Hebebühne und ließ sich wieder hinauffahren. Leitern konnte er trotz all der Technik in seinem Körper nicht erklettern. Ihm fehlte das Gefühl in den Füßen, um die Sprossen sicher zu treffen.

Das Meer glitzerte inzwischen silbrig unter der bereits brennenden Morgensonne. Das Salzwasser tropfte ihm von den blonden, schulterlangen Haaren auf den Rücken, hinterließ einen glänzenden Fleck auf der Haut, die das Muster von Wellen annahm.

 

Lars erschien wenig später gähnend auf der Brücke und hielt Constantin einen dampfenden Pott Kaffee vor die Nase. »Hej. Alles klar?«

»Ja. Da war ein Delfin.«

»Hier im Golf?«

»In der Tat. Hat mich auch gewundert.« Constantin trank einen Schluck. Der Nano-Computer an seinem Handgelenk begann zu blinken. Er stellte die Tasse ab. »Endlich. Die erwartete Nachricht…«

»Unser Kontakt aus der Wüste?«

Constantin nickte, öffnete den Posteingang und erstarrte. Für einen Moment verschwand die Welt um ihn herum, wie damals bei dem Flugzeugabsturz, als er in die zeitlose Schwärze zwischen Leben und Tod gestürzt war. Das Display zeigte, was er am meisten fürchtete: Ein sonnenartiges Gebilde; eine grün und lila gefleckte Kugel mit blutroten Tentakeln, die wie stummelartige Arme in regelmäßigen Abständen herauskragten und ihr das Aussehen einer Sonne mit Fehlfarben gaben.

Die Rebellen hatte also die Wahrheit gesagt. Es gab das Virus wirklich. Er wusste, wenn sie ihre Drohung wahrmachten und das Mammal-Virus auf die Menschheit losließen, dann wäre es das Ende für die Gattung Homo sapiens. Die Suche nach einem geeigneten Impfstoff würde zum Wettlauf mit der Zeit.

Unter ihm hob und senkte sich der Boden. Die Anspannung spülte Adrenalin durch seine Adern. Unzählige Poren öffneten sich, spülten kalten Schweiß auf seine Haut. Dann setzten die Flecken ein. Ein blaugrünes Farbspiel auf der nackten Haut. Er bemerkte es an den Armen und riss sich mühsam zusammen.

»Weck Yu und Ben. Wir haben Arbeit…«

 

ENDE der Leseprobe von Serial 3


 

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