Lupus – Ankunft der Wölfe

"Alles, was denkbar ist, ist machbar"

(Sokrates)

Chimären und Chimärenforschung gibt es bereits heute. So hat sich der Deutsche Ethikrat 2012 mit folgenden Themen befasst: der Schaffung von Mensch-Tier-Mischwesen außerhalb der Gebärmutter, innerhalb der Gebärmutter und mit der Transplantation von menschlichen Zellen in Tiere. Sämtliche Figuren und Ereignisse im Roman sind jedoch erfunden, auch die BEA-Privatklinik von Professor Palmer in Berlin, das Hilfsprojekt in der Mesa Verde, die Große Influenza und der Ort Coyote Junction bei Cortez in den USA. Wir haben uns nicht gescheut, Technik und Medizin der Gegenwart weiterzudenken und Neues zu erfinden. Wo jedoch genau die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit liegt, können wir nicht mit absoluter Bestimmtheit sagen, denn die Forschung geht weiter. Was heute noch Mystery ist, könnte morgen schon Realität werden.

 

Leseprobe

1

Mesa Verde, Colorado

Manches Unheil kündigt sich mit Schmerzen an. So war es auch in jener Nacht.

Über den Canyons stieg der blasse Vollmond auf, tünchte die schroffen Felsen und Höhlen in fahles Licht. Auf dem Hochplateau ächzten und knarrten die Kiefern im Wind. Frost fraß sich von den höheren Hängen bis in die Täler hinab, ließ das spärliche Büffelgras erstarren.

In einem Dorf am Rande der Mesa Verde stand eine junge Frau hinter der Mauer eines Steinhauses, krallte die Fingernägel in die wunden Handflächen und lauschte auf die sich entfernenden Schritte der Wachen.

Sie nannte sich Yas, was auf Navajo Schnee bedeutete, denn eine weiße Strähne zog sich durch ihr schwarzes Haar.

Yas wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und blickte zitternd zum Himmel. Im Osten stand der Sternhaufen der Plejaden. Demnach musste es nach Mitternacht sein. Zeit zu gehen. Ein letztes Mal presste sie die Hände auf den schmerzenden Leib. Sie wusste, etwas Furchtbares würde geschehen. Die bösen Mächte hatten sich angekündet: in Träumen, in denen blutgetränkter Schnee schwarze Canyon-Landschaften unter sich begrub, und in Visionen, in denen Furcht einflößende Wölfe mit blutigen Zähnen und Klauen nach ihr schlugen. Kein Zweifel, das Böse war viel stärker als der Traumfänger aus Weidenrute über ihrem Bett. Es war stärker als jede Medizin. Daran konnten auch die Ärzte mit ihren Stethoskopen und den sterilen Bestecken nichts ändern.

Mit angehaltenem Atem lauschte Yas auf verdächtige Geräusche. Doch im Camp war jetzt nur noch das monotone Brummen der Generatoren zu hören, hin und wieder unterbrochen vom leisen Winseln eines Hundes.

Wie ein Schatten schlich die Navajo über die Pinienholzplanken der Veranda. Der Schrei einer Eule hallte plötzlich durch die Nacht. Die junge Frau erzitterte unter der im indianischen Muster gewebten Decke, die sie um ihre schmalen Schultern geschlungen hatte. Das Herz schlug ihr wild in der Brust. Der Hals war wie zugeschnürt. Vorsichtig setzte sie die nackten Zehen auf den staubigen Weg.

Die Ohren der Security und der Wachhunde waren überall. Doch konnten sie das Fallen einer Feder hören? So leise müsste sie sich fortbewegen, wollte sie unentdeckt bleiben. Sie musste es einfach riskieren.

Noch einmal hielt sie den Atem an und schlich weiter zum nächsten Gebäude, vorbei an den Müllcontainern und schließlich in die undurchdringliche Finsternis der Nacht, die hinter dem Camp die Geistwesen, Wölfe und Coyoten bei ihren rastlosen Beutezügen umarmte.

Mehrmals musste sie auf dem Weg zu den Canyons stehen bleiben und die Ahnen um Kraft bitten, so plötzlich und schmerzhaft krampfte ihr Leib. Dabei war ihr Bauch kaum gewölbt. Der Zustand währte erst seit fünf Monden. Viel zu früh für Wehen. Doch die Träume und die rasenden Schmerzen waren eindeutig. Und Yas zweifelte nicht an den überdeutlichen Zeichen, auch wenn die Ärzte bei ihren Untersuchungen nie eine Andeutung gemacht hatten, etwas könne nicht in Ordnung sein.

Auf dem Geröllweg zwischen Dorf und Canyon sprang ein Stein mit dumpfem Klacken dahin. Wie versteinert hielt sie den Atem an, wartete auf das wilde Anschlagen der Hunde und die Rufe der Wachen. Doch es blieb still. Erleichtert schlich sie weiter und gönnte sich erst wieder auf dem gewundenen Pfad, der zu den höher gelegenen Hängen führte, eine kurze Rast.

Eine halbe Stunde später erreichte sie die Frostgrenze. Sie konnte es deutlich fühlen. Die spärlichen Büffelgräser kräuselten sich knisternd unter ihren Fußsohlen und hallten in die Stille des Canyons wie das Rattern vorbeifahrender Pick-ups, wenn die Mädchen auf die Männer gewartet hatten. Bei dieser Erinnerung biss sie sich vor Schmerz und Kummer auf die Lippen und krümmte sich.

Mexikanische Steinkiefern, Koniferen und Utah-Wacholder rauschten eindringlich auf den Höhen und schienen ihren Namen zu raunen. Sie wickelte die Decke enger um ihren brennenden Körper und stolperte weiter, immer höher hinauf, bis sie endlich die Sandsteinhöhle erreichte, die sie vor einigen Tagen entdeckt hatte.

Die Höhle lag, zur Hälfte eingestürzt und verwittert, hinter magerem Büffelgras und Sträuchern. Nur selten verirrte sich jemand hierher in die Wildnis. Die Besucher des Naturparks zog es zu den historischen Anasazi-Siedlungen in den Felsen, und auch die Ranger kamen nur sehr selten in die abseits gelegenen Canyons.

Der Mond war über dem Kiefernwald aufgestiegen, tauchte Pinyons und Felsen in bizarre Schatten. Yas hatte ihr Ziel erreicht. Gänsehaut zog sich über ihren Rücken. Sie beugte sich tiefer, suchte den Höhleneingang und kroch durch den engen Zugang.

Trotz der lähmenden Kälte nahm sie die Fransendecke von ihren Schultern und befestigte sie an einem spitzen Stein über dem Eingang. Dann erst schaltete sie die mitgeführte Taschenlampe ein und blickte sich ängstlich um.

Feiner Staub rieselte von den Wänden und bildete im schmalen Lichtkegel eine Fahne aus tanzenden Sprenkeln. Ockerfarbener Sand und Geröll bedeckten den Boden. Die Höhle war eng, bot höchstens für zwei Menschen Platz. Der größte Teil der Decke war eingestürzt, der Rest neigte sich so tief, dass Yas sich nicht einmal aufrichten konnte.

In ihrem Leib brannten inzwischen die Schmerzen so scharf und schneidend wie das Feuer von vergifteten Pfeilen. Mit äußerster Kraftanstrengung kauerte sie sich auf den Boden, legte die Taschenlampe neben sich, schob Geröll fort und schabte mit einem flachen Stein eine Mulde in den harten Ocker. Halb ohnmächtig vor Angst knotete sie das Nachthemd über ihrem Bauch zusammen, hockte sich über die Kuhle und begann zu pressen. Dabei wiegte sie ihren Körper hin und her und weinte. Ein letztes, tiefes Reißen zog sich durch ihr Inneres, und das winzige Kind rutschte mit einem Schwall Blut heraus.

Yas blickte unter sich und sprang schreiend auf. Ihr Kopf stieß gegen die Decke. Geröll rieselte herab. Zitternd lehnte sie sich gegen die Wand und sackte in die Knie. Während noch immer Tränen über ihr Gesicht rannen, blickte sie ungläubig auf das nasse, blutige Fellbündel zu ihren Füßen. Im schwachen Lichtschein der Taschenlampe wirkte das Frischgeborene, als würde es sich bewegen. Schon glaubte Yas, ein Fiepen zu hören, doch es war nur das Summen in ihren Ohren, das die Ohnmacht ankündete.

Als sie endlich wieder zu sich kam, war es totenstill in der Höhle. Die Schatten an den Wänden flackerten, als wären sie lebendig und schienen nach ihr zu greifen. Voller Panik tastete sie nach einem Stein und ließ ihn wieder fallen. Niemand könnte gegen böse Geister ankämpfen. Auch sie nicht.

Im Flüsterton murmelte sie eine Beschwörung und sang die Verse, die sie schon als Kind gelernt hatte, um eine Seele ins Jenseits zu begleiten. Was auch immer in den glücklichen oder ewigen Jagdgründen auf das verlorene Wesen wartete, mochte es dort in einer heilen Welt wandeln, begleitet von einer Unzahl von Jagdtieren. Glücklich und in Frieden. Das hoffte Yas aus vollem Herzen.

Nachdem sie zu Ende gesungen hatte, kauerte sie sich erneut vor die Mulde, schob Sand über das namenlose Geschöpf und errichtete einen Hügel aus Steinen und Geröll über dem frischen Grab.

Die weiße Haarsträhne fiel ihr ins Gesicht. Sie achtete nicht darauf und wischte sich den kalten Schweiß von der Stirn. Dann löste sie den Knoten in ihrem Nachthemd und zerrte den dünnen Stoff über ihren zitternden Körper. Als letztes löschte sie die Taschenlampe und riss die Webdecke vom Eingang. Mit vor Schmerzen und Kälte steifen Gliedern zwängte sie sich aus der Höhle und hüllte sich in die kratzige Wolle.

Das Heulen der Wölfe und Coyoten in den Canyons klang jetzt ganz nah. Eine schwarze Wolke schob sich vor den tief stehenden Mond und verdunkelte den Weg. Felsen und Büsche schienen plötzlich lebendig zu sein. Yas taumelte zitternd weiter.

Sie musste vor Morgengrauen zurück im Camp sein. Hoffentlich hatte niemand ihr Verschwinden bemerkt. Und hoffentlich war der ewig lamentierende und unheimliche Yago noch nicht auf den Beinen. Ausgerechnet der Schamane hatte mal wieder recht gehabt. Die Medizin der Weißen taugt nichts, hatte er gesagt. Sie schaffen Monster. Menschen mit Fell und Krallen …

 

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