Gakia – eine Satire

 

Das kalte Licht der Neoröhren traf erbarmungslos auf die angetretene Hühnerschar. Kein Staubkorn war in der blitzblanken Halle zu sehen. Es roch nach frischer Farbe, vermischt mit den Ausdünstungen von Plastik und Gummi von den Förderbändern, die heute zum ersten Mal anlaufen sollten.

 

Hahn Horst vom Wiesengrund schritt an seiner Hühnerschar stolz erhobenen Hauptes vorbei. Sein mächtiger Kamm zitterte, als er mit seiner kurzen, aber prägnanten Rede begann: „Liebe Presse, liebe Hühner, wir haben uns ein großes Ziel gesetzt. Wir werden der größte Handy-Bauer im Land. Wir werden der Konkurrenz von der Taubenkom zeigen, was eine moderne Produktion leisten kann.“

 

Auf sein Zeichen hin setzten die Hühner, die in Zehnerreihen vor ihm standen, zum einstudierten Motivationsruf an: „Alle Hühner für Gakia. Gakia gehört die Zukunft.“

 

Zufrieden trat Horst vom Wiesengrund an das gespannte rote Band, setzte die große Schere an, drehte sich dann noch einmal zu seiner Belegschaft um und scherzte im Plauderton: „Am Arbeitsplatz wird übrigens nicht gegackert. Das könnt ihr zu Hause machen und am besten nehmt ihr dazu eines der neuen, bahnbrechenden Gakia-Handys und plaudert mit euren lieben Verwandten aus aller Welt.“

 

Die Hühner schwiegen betreten, die Gänse von der Presse lachten und Hahn Horst vom Wiesengrund durchschnitt das rote Band. Die Hühner marschierten an die Förderbänder. Hahn Horst drückte auf den roten Knopf und das erste Plastik-Halbschälchen fuhr vorbei, wurde flink mit einem Plastikchip versehen, dann mit einem kleinen Steckplatz, einem weiteren Plastikteilchen, einem Display, einer Antenne, zehn kleinen Zahlentasten, einer Sternchentaste und so fort. Bis am Ende des Förderbandes der Deckel mit einem Klick aufgesteckt wurde und nach fünf Minuten das erste fertige Gakia-Modell unter dem Applaus der Gäste in einen Karton fiel, der wiederum sofort mit einem Adressaufkleber versehen wurde und die Halle am anderen Ende verließ. Dort, wo schon die Lieferfahrzeuge warteten, um die fertige Ware in alle Welt zu verteilen.

 

Am Ausgang verschenkte Hahn Horst vom Wiesengrund Schirmmützen an die Presse-Gänse, die diese in ihren Redaktionen in die Mülleimer beförderten und unzufrieden schnatterten: „Der Geizhals hätte mal ein paar seiner Handys rausrücken sollen.“ Dann erklärten sie lang und breit in ihren Berichten mit wie vielen staatlichen Fördergeldern Gakia aufgebaut worden war, was wiederum niemanden ernsthaft interessierte, denn Gakia schaffte 100 neue Arbeitsplätze.

 

Wilma war froh, einen dieser Arbeitsplätze ergattert zu haben. Eifrig konzentrierte sie sich nun seit ein paar Tagen auf die kleinen Teile, die sie ineinander stecken musste. Ein Plastikschälchen kam angefahren, doch der Steckplatz fehlte. Wilma schaute auf ihren Plastikchip und wusste nicht, wo sie ihn lassen sollte. Während sie grübelte, kam schon das nächste Plastikschälchen vorbei. Wilma ließ das fehlerhafte aus und wollte gerade das Plastikteilchen auf das nächste Hartschälchen setzen, da kam von hinten der Arm von Chef Horst und riss das fehlerhafte Teil vom Band. Dann rannte er zum roten Notknopf, bremste die Produktion und hielt das halbfertige Handy in die Höhe. 100 Augenpaare waren auf ihn gerichtet. Mit rot angelaufenem Gesicht schrie er: „Hier wird nicht gepfuscht. Fehlerhafte Handys ziehe ich euch vom Lohn ab.“

 

Zu Wilma gewandt, brüllte er: „Huhn Nummer 78, wie heißt du?“ Wilma lief ebenfalls rot an und sagte mit zitternder Stimme ihren Namen.

 

Hahn Horst vom Wiesengrund schaute von oben auf sie herab, sein Gesicht kam drohend näher: „Wilma, ich muss das Handy von deinem Lohn abziehen. Wir sind hier kein Wohltätigkeitsverein.“ Dann wanderte sein Blick durch die Halle. 100 Augenpaare senkten sich. „Merkt euch das“, brüllte er und drückte auf den schwarzen Knopf, um die Produktion wieder zu starten.

 

Als Wilma nach Feierabend ihren Tageslohn im Büro abholte, bekam sie statt der üblichen 35 Euro nur 15 Euro. Wilma standen die Tränen in den Augen und sie versuchte sich zu rechtfertigen, nicht sie habe gepatzt, eine Arbeiterin vor ihr, aber sie wisse nicht wer.

 

Hahn Horst vom Wiesengrund schwoll der Kamm: „Du willst doch wohl nicht behaupten, dass ich mich geirrt und einen Fehler gemacht habe?“ Jetzt wurde auch das Weiße in seinen Augen vor Zorn rot. Wilma duckte sich und schüttelte ihren kleinen Kopf. Dann schlich sie davon.

 

„Ungerecht ist das“, gackerte ihre Freundin Waltraud auf dem Heimweg. „Das war bestimmt die Hanne Hinkepink.“

 

„Leg dich nicht mit Hinkepink an“, erwiderte ihre andere Freundin Suse. „Ich habe gehört, der Chef will sie zur Vorarbeiterin machen. Dann haben wir nichts mehr zu lachen. Die hat einen spitzen Schnabel und verdammt scharfe Krallen.“

 

An diesem Abend kochte Wilma nur Brotsuppe daheim. Sie musste sparen. Erschöpft sank sie in den traumlosen Schlaf einer viel zu kurzen Nacht.

 

Eine Woche später verkündete der Chef, dass Hinkepink ab jetzt die Aufsicht habe und er sich nun vermehrt um die Finanzen kümmern werde.

 

Im Spätsommer erschien er mit einem Stapel Papieren unter dem Arm pünktlich zum Schichtbeginn, marschierte in der Produktionshalle nervös auf und ab, blieb plötzlich stehen und krähte, als ihn alle Hühner erwartungsvoll anschauten: „Die Zahlen sehen nicht so gut aus. Die Produktion muss effektiver werden. Die Förderbänder laufen ab heute einen Takt schneller.“ Dann startete er die Anlage und kontrollierte höchstpersönlich, dass keine fehlerhaften Handys das Haus Gakia verließen.

 

An diesem Abend war Wilma noch erschöpfter als sonst, aber sie hatte ihren vollen Lohn, denn Fehler waren in letzter Zeit nur noch selten passiert. Wenn doch, dann war es Hinkepink, die darüber wachte, wer zur Strafe weniger Lohn bekam.

 

Gakia erlebte eine kurze Blütezeit. Die Konkurrenz bei der Taubenkom schlief allerdings nicht und entwickelte ein kleineres Handy. Gakia musste nachziehen. Taubenkom reagierte und senkte den Preis. Gakia zog nach, und um Kosten zu sparen und die Produktion effektiver zu machen, wurde das Förderband noch schneller eingestellt. Jetzt passierten allerdings auch mehr Fehler. Da sich die Fehler auf alle Positionen in der Produktionsstraße verteilten, wurde nur noch die Anzahl der fehlerhaften Handys gezählt und in Summe pauschal allen vom Lohn abgezogen. Das entsprach dem halben bisherigen Lohn.

 

Am ersten Herbsttag passierte es. Jemand hatte nachts am Fabrikgebäude den Namen Wiesengrund durchgestrichen und mit roter Farbe „Schwein“ daneben geschrieben. Die Hühner tuschelten aufgeregt. Der Chef fuhr im dicken Auto vor. Man sah ihm den Wohlstand der letzten Monate an. Er hatte zugenommen und ein paar Federn lichteten sich auf seinem Kopf. Behäbig stieg er aus dem Fahrzeug. Sofort verstummten alle. Mit hochrotem Gesicht und ebenso rotem Kamm schritt er vor die Wand, zeigte auf die Schmiererei und brüllte: „Entfernen! Augenblicklich!“

 

Zur Strafe ordnete er pauschal für alle eine unbezahlte Überstunde an. Die Belegschaft war entsetzt. Auf dem Nachhausweg schimpfte Waltraud: „So eine Sauerei.“

 

„Der Chef ist ein Schwein“, flüsterte Wilma leise und Suse fügte hinzu: „Jawohl. Eine Schweinerei ist das. Aber wir können nichts machen. Habt ihr gehört? Bei der Taubenkom entlassen sie.“

 

Die nächsten Wochen verliefen ohne Vorfälle. Das Weihnachtsgeschäft nahte. Am ersten Dezember fuhr der Chef erneut mit einer Limousine vor. Er war noch dicker geworden und hatte noch mehr Federn verloren. Teilweise sah man jetzt das Fett durch die kahlen Stellen hervorquellen. „Er hat Speckrollen angesetzt. Hast du gesehen?“, tuschelte Suse. „Der Chef wird immer dicker. Eines Tages platzt er noch“, gab Waltraud zurück.

 

Hahn Horst trat vor seine Belegschaft, machte eine ernste Miene, räusperte sich bis alle still waren. Hundert Augenpaare schauten ihn ängstlich an. Dann verkündete er: „Das Weihnachtsgeschäft steht bevor, wir müssen Sonderschichten fahren, um die Aufträge zu schaffen. Gleichzeitig sind die Preise für Handys im freien Fall. Ich muss den Lohn um weitere zwanzig Prozent senken.“ Bestürztes Schweigen herrschte in der Halle. Der Chef rauschte ab.

 

Am nächsten Morgen war der Firmenname erneut beschmiert. Dieses Mal hatte jemand ein Schwein an die Fabrikwand gemalt und die Buchstaben Wiesengrund so übermalt, dass dort „grunz“ stand. Suse sagte: „Wer auch immer dafür verantwortlich ist, er hat recht. Der Chef ist ein Schwein.“ „Ein Schwein“, stimmten die anderen im Chor ein.

 

Dann kam Hinkepink mit einem Eimer Farbe, ließ die Arbeiterinnen stramm stehen, verdonnerte Suse dazu, die Wand zu überstreichen und ordnete an, dass die verlorene Zeit nachgearbeitet wird.

 

Am Nachmittag tauchte der Chef auf und rief Wilma über die Sprechanlage in sein Büro. Gesenkten Hauptes schlich sie aus der Halle und klopfte an die Tür. „Herein“, brüllte es von innen. Als Hahn Horst seine Arbeiterin Wilma erblickte, lehnte er sich entspannt zurück und lächelte breit. „Habe ich dich endlich. Dieses Mal kommst du mir nicht davon. Nach deiner ersten Schmiererei habe ich Überwachungskameras angebracht. Was glaubst du, habe ich da gesehen?“ Wilma schluckte. „Du bist entlassen“, brüllte er und schlug mit der Faust auf den Tisch, dass sogar die Wände wackelten und er vor Aufregung seine letzte Feder am Schwanz verlor. „Raus“, brüllte er. „Raus!“

 

Wilma schlich unglücklich nach Hause. Ratlos setzte sie sich an ihren kleinen Küchentisch und begann ein Schwein auf ein Blatt Papier zu zeichnen, das Hahn Horst wie aus dem Gesicht geschnitten war. Tränen kullerten über ihr Gesicht.

 

Es klingelte. Eine Presse-Gans stand vor der Haustür. „Bei uns in der Redaktion geht das Gerücht um, dass Gakia die Produktion schließen und ins Ausland verlagern will.“ Sie, Wilma, sei doch eine ehemalige Mitarbeiterin von Gakia, ob sie etwas zu den ausbeuterischen Arbeitsbedingungen dort sagen könne. „Nein, das kann ich nicht“, wehrte Wilma ab, denn sie hatte Angst, dass sie keine Arbeit mehr finden würde, wenn rauskäme, dass sie gepetzt hatte. „Es ist ja überall schlecht, seit der Finanzkrise. Aber heimlich überwacht hat man uns, ist das was?“

 

„Nö“, lehnte die Presse-Gans ab. „Das ist heutzutage nichts Besonderes mehr. Das wird ja inzwischen überall gemacht.“ Sie drehte sich um und wollte schon gehen, da fiel ihr Blick auf Wilmas Zeichnungen. Ob sie die mal anschauen dürfte? Wilma nickte.

 

Am nächsten Tag erschien ein Bericht in der Zeitung mit der Schlagzeile „Schweinechef verlagert Fabrik ins Ausland.“ Daneben war die Zeichnung von Wilma.

 

Wilma hatte ab jetzt einen neuen Job als Karikaturistin, und in den folgenden Zeiten der Krise gab es für sie viel zu zeichnen.

 

Mo Twin

 

 

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