Tannenhügel

 

Gestatten? Mein Name ist Anton. Ich bin eine Ameise und ich tauge nicht zum Kämpfen. Niemand soll glauben, ich hätte es nicht versucht. Immerhin bin ich in einem Ameisenstaat geboren worden. Das Kämpfen liegt uns quasi in den Genen. Nur bei mir ist alles anders. Aber immer hübsch der Reihe nach …

 

Geboren wurde ich im Ameisenstaat Tannenhügel. Die Königin sagte: „Wie niedlich.“ Die Arbeiterinnen riefen nach meiner Geburt: „Das wird mal ein großer Kämpfer.“ Damit war mein Status von Anfang an besiegelt: Ich sah aus wie eine Ameise. Ich war eine Ameise. Also sollte ich auch arbeiten und kämpfen wie eine Ameise.

 

Zunächst hatte ich eine unbeschwerte, viel zu kurze Kindheit, die mit Fressen, Wachsen und viel Faulheit ausgefüllt war. Ich liebte das süße Nichtstun, hing meinen Träumen nach und stellte unbequeme Fragen: Wo führt dieser Gang hin? Was ist hinter dem Tannenwald? Warum haben wir Feinde? Was ist nach dem Tod? Die meisten meiner Fragen blieben unbeantwortet und so machte ich mir meine eigenen Gedanken. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte es für immer so bleiben sollen: Essen, Schlafen und Philosophieren.

 

Doch ich wurde gnadenlos aus meinem beschaulichen Leben herausgerissen. Wir mussten in die Ameisenschule gehen und lernen, wie man Blätter zerschneidet, Gewichte stemmt und wie man in einer Reihe mit den anderen steht. An sonnigen Nachmittagen machten wir Ausflüge an den Rand unseres Tannenhügels und übten uns im Gleichschritt. Die Welt hinter unserem kleinen Staat kam mir riesig, wunderschön und unerreichbar fern vor. Die großen Tannen um uns herum waren unglaublich hoch. „Was sieht man von dort oben?“ löcherte ich die anderen. Doch sie wiegelten ab: „Anton, du nervst“ und hänselten mich „Anton der Philosooo…ph“.

 

Eines Abends hatte die alte Sofie ein Erbarmen und half meinem Wissensdurst nach: „Aber natürlich war jemand oben. Vor langer, langer Zeit packte eine starke und mutige Ameise ihren Proviant und zog los. Die Alten schüttelten den Kopf, die Jungen feuerten sie an. Wir verrenkten uns noch lange die Hälse, um ihr hinterher zu sehen. Dann wurde sie kleiner und kleiner, bis wir sie nicht mehr erkennen konnten und ihr kleiner Körper in der hohen Tanne verschwunden war. Nach einer Woche segelte sie völlig erschöpft und mit letzter Kraft auf einem Ahornblatt, das sich in der Tanne verfangen hatte, herab. Sie berichtete, sie habe unglaublich Schönes gesehen, aber bis ganz oben sei sie nicht gekommen. Nur bis zur Hälfte. Der Weg sei weit, viel weiter als wir uns jemals vorstellen könnten.“

 

„Was hat sie denn Schönes gesehen“, wollte ich wissen. Aber die alte Sofie wehrte ab. Daran könne sie sich nicht erinnern. Und überhaupt sei die Ameise nach diesem Ausflug etwas wunderlich geworden und sie, Sofie, sei damals noch ein Kind gewesen. Sie könne sich nicht an alles erinnern.

 

Enttäuscht lag ich in dieser Nacht noch lange wach. Ich dachte an die hohe Tanne und meine unbeantworteten Fragen, bis mich im Morgengrauen ein Lärmen, Rufen und Schreien aus meinen Gedanken riss. Ich sprang auf und lief in den Gang. An mir hasteten die Soldatinnen vorbei. „Wir werden von den großen Ameisen angegriffen“, riefen sie und schubsten mich zurück. „Bleib hier, du bist noch zu klein um zu kämpfen.“ Ich versteckte mich unter einem Blatt. Das Dröhnen und Stapfen der aufmarschierenden Ameisen hallte durch den Hügel und machte mir Angst. Ich hielt mir die Ohren zu.

 

Am Abend war der Angriff abgewehrt. Wir hatten viele Tote zu beklagen. Der Lazarett-Tunnel war voller Verwunderter. Ich schlich hin, obwohl die Vorarbeiterin es verboten hatte, und als ich die Verletzten sah, bekam ich noch mehr Angst. Hier fehlte eine Zange, dort der halbe Kiefer, hier ein Bein, dort das ganze Hinterteil. Es war grauenvoll.

 

Wenige Tage später begann unsere militärische Grundausbildung, der Umgang mit Waffen. Die anderen hatten bereits ihre Tannennadeln angespitzt und standen stramm. Ich konnte die Bilder aus dem Lazarett-Tunnel nicht vergessen, mein Magen hob und senkte sich, meine Beine zitterten. Ich war nicht einmal in der Lage, die Tannennadel anzuheben. Sie schickten mich zurück.

 

Als die Krankenschwester-Arbeiterin am Abend nach mir schaute, fragte ich sie: „Warum müssen wir eigentlich kämpfen?“

 

Verwundert schüttelte sie den Kopf. „Weil wir angegriffen werden.“

 

„Aber warum werden wir angegriffen?“

 

Sie zuckte ratlos mit ihren schmächtigen Schultern.

 

„Hat es schon mal jemand mit Reden versucht?“ fragte ich.

 

Die Arbeiterin befühlte meinen Kopf, ob ich Fieber habe. „Sie sind gefährlich und böse“, sagte sie. Damit war das Thema beendet.

 

Als ich mich von meinen Magenproblemen erholt hatte und zurück zu den anderen durfte, wurde ich vollends zum Außenseiter. Sie tuschelten hinter meinem Rücken, ächteten mich mit schrägen Blicken oder ignorierten mich, was von allem noch das Angenehmste war. Niemand wollte mit mir reden und bei den Liegestützen und Klimmzügen ließen sie mich Extra-Übungen machen. Ich war todunglücklich.

 

Dann aber kam Hektor, die stärkste und größte Ameise aus unserer Gruppe, mit einer riesigen spitzen Tannennadel unter dem Arm auf mich zu und rief: „Wehr dich, zeig, dass du ein Kämpfer bist!“ Ich wich aus. Hektor lief an mir vorbei und blieb mit seiner Waffe im Sandhügel stecken. Die anderen lachten. Ich war umgefallen. Wütend sprang Hektor auf und kam mit bedrohlichem Gesichtsausdruck auf mich zu. Als seine Kiefer direkt über meinem Gesicht waren und ich seinen heißen Atem spürte, packte ihn von hinten unser Ausbilder und zerrte ihn weg.

 

Er ließ uns stramm stehen und zur Strafe hundertmal singen: Wir kämpfen für unsere Heimat, für unseren Tannenhügel und für die gefallenen Kameraden.“ Ich klappte nur den Kiefer auf und zu und tat so als ob ich mitsinge.

 

Am nächsten Tag war ich wieder krank. Der Kommandant kam an mein Krankenbett, um sich zu vergewissern, dass ich nicht schauspielerte. Ich spie grüne Galle und wenn ich von den Arbeiterinnen nicht so aufopfernd gepflegt worden wäre, wäre ich damals schon im Jenseits gelandet. Man diagnostizierte chronische Schwäche. Zum Kämpfen sei ich zu schwach. Ab Morgen müsse ich in der Küche helfen.

 

Auf dem Weg dorthin begegnete mir Hektor. Er richtete sich hoch auf und kam direkt auf mich zu. Ich wusste, dieses Mal gab es kein Entkommen. Unser Ausbilder und die anderen waren weit weg. Hektor hob die Fäuste und rief: „Jetzt bist du dran. Kämpfe.“

 

Ich fiel in Ohnmacht. Als ich wieder zu mir kam, stand der Kommandant bei mir und zog mich in die Küche. Hektor stand wütend hinter ihm und rief mir zu: „Du bist eine Schande für den ganzen Tannenhügel. Davonjagen sollte man dich.“

 

Am Abend musste ich zur Königin. Dort konnte ich mir eine Standpauke anhören. Der Kommandant sagte: „Als ich so alt war wie du, hatte ich schon meinen ersten richtigen Kampf hinter mir. Was soll bloß aus dir werden?“ Die Königin weinte. Ich glaube aus Verzweiflung.

 

In dieser Nacht träumte ich von angreifenden Riesenameisen, die mit weit aufgerissen Augen und Kiefern, aus denen gefährlich scharfe Zähne ragten, auf mich zu rannten. Schreiend wurde ich wach. Auch in der nächsten Nacht hatte ich diesen Traum und in der folgenden und in der Nacht darauf.

 

Am Tag schälte ich Blaubeeren, entstachelte Stachelbeeren und zerkleinerte Erdbeeren zu Mus. Das war wunderbar. Ich liebte meinen Platz in der Küche. Von dort gab es einen Tunnel zum rückwärts gelegenen Ausgang und wenn ich Zeit hatte, verdrückte ich mich und konnte draußen am Rande des Tannenwaldes auf das tiefer gelegene Tal schauen. Dort gab es keine Wachen, denn von dort ging ein Steilhang ab, über den die fremden Großameisen niemals kommen würden. Der Aufstieg wäre so kräftezehrend für sie, dass sie, endlich oben angekommen, keine Kraft mehr zum Kämpfen hätten.

 

Nachts träumte ich noch immer von den Angreifern und wanderte im Schlaf unruhig umher, immer auf der Suche nach der schützenden Küche.

 

Eines Morgens erwachte ich und hörte Lärm und aufgeregte Stimmen: „Sie sind wieder da. Sie greifen uns an. An die Waffen.“ Ich wollte in die Küche rennen und mich verstecken, aber die Vorarbeiterin versperrte mir den Weg. „Lauf ins Lazarett. Dort wirst du gebraucht.“ Ich machte kehrt und kam in einen Gang in dem sich die Leiber kämpfender Ameisen ineinander verkeilt hatten. Blut floss auf beiden Seiten. Es gab kein Durchkommen. Erneut machte ich kehrt und lief nun doch in die Küche. Von dort hörte ich, wie der Lärm immer näher kam. Es waren einfach zu viele. Sie nahmen unseren Tannenhügel ein. Die Schreie der anderen hallten zu mir herüber. Es war fürchterlich. Schon hörte ich, wie die erste Riesenameise schweren Schrittes auf die Küche zustapfte, da rannte ich in den letzten noch freien Gang hinter der Küche und entkam ins Freie.

 

Zitternd stand ich am Hang. Die Sonne schien freundlich, als würde es dieses Blutbad nicht geben. Eine große Riesenameise kam aus dem Tunnel und bewegte sich langsam auf mich zu. Starr vor Angst blieb ich stehen, in sicherer Erwartung von ihr zermalmt zu werden. Die Angreiferin kam näher und öffnete ihren riesigen Kiefer. Ich konnte ihren sauren Atem riechen und war nur noch einen Bissen von ihrem Magen entfernt. Da senkte sich ein Schatten über uns und ehe ich recht kapierte, was geschah, kam ein Specht vorbeigeflogen, entschied sich für den größeren Bissen von uns beiden und flog mit der Riesenameise davon.

 

Ich lief fort. Hier konnte ich nichts mehr tun. Vorsichtig kletterte ich den Abhang hinunter und lief in den Wald. Als einziger hatte ich überlebt. Jetzt blieb mir nur noch eine Aufgabe. Die große Tanne lag direkt vor mir. Ich stopfte mir die Taschen mit Walderdbeeren voll und begann mit dem Aufstieg. Ich wollte endlich wissen, wie die Welt von oben aussah.

 

Mo Twin

 

 

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